Theater ist staubig. Schauspieler wälzen sich in Skripten aus den Jahrhunderten, und das erfahrene und bestens gebildete Publikum streitet sich mit den Theaterkritikern um die Wette, ob die Inszenierung auch originalgetreu genug sei, oder ob sich wiedermal ein Regisseur nicht im Zaum halten konnte und ein ehrwürdiges Stück aus dem Theaterkanon in die schreckliche Bühnensprache der Neuzeit übersetzt hätte, und solange daran herumgepfuscht hätte, bis auch der größte Einfaltspinsel seinen Spaß an der Inszenierung hätte. Die andere Seite argumentiert, ob man denn wirklich ein und denselben Stoff zum X-ten Mal auswälzen soll, ohne einen Tribut an die Postmoderne und die Gewohnheiten und Wahrnehmung postmoderner Zuschauer zu zollen.
Wuthering Heights im King’s Theatre von Edinburgh ist jedenfalls alles andere als das angestaubte Ausgraben einer literarischen Leiche. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman der Engländerin Emile Bronte, eine Geschichte von zwei Liebenden, die sich nicht haben können, und einer nach dem anderen (nebst fast allen Familienmitgliedern einer kaputten Sippe) dem Wahnsinn verfällt, säuft, spielt und – letztendlich – stirbt. Der Dramaturg hat sich wirklich größte Mühe gegeben, das Spiel permanent am Laufen zu halten, und selbst die kurzen Umräumphasen auf der Bühne waren so geschickt ausgeleuchtet und mit Musik untermalt, dass sie eigentlich mehr einem Szenenwechsel in einem Film glichen – fließend, reibungslos und atmosphärisch. Besonders der Soundtrack gab der Szenerie noch ein ganzes Stück Authentizität, so dass sich mir die Stimmung jeder Szene tief in mein Herz hineinbrannte.
Dazu trug neben dem technischen Spektatel vor allem eine Schauspielerin bei: Susannah York, die auf brillante Weise die gutmütige Haushälterin Nelly verkörperte. Nelly ist die Haupterzählerin der Geschichte, und eine der wenigen Personen (neben Mr. Lockwood, einem Reisenden der zufällig auf Wuthering Heights vorbeikommt), die bei geistiger Gesundheit und lebendig aus der Geschichte herauskommen. Sie verkraftet all das Leid, das in Jahrzehnten auf dem Anwesen vorgeht, lässt sich schlecht behandeln und steckt alles weg, was ihr angelastet wird. Sie ist die gute Seele des Stücks, und so beeindruckte mich persönlich auch am Meisten die eine Szene, in der die in die Jahre gekommene Nelly nach einer Nacht voller Erzählungen über ihre Arbeit auf Wuthering Heights schlussendlich weinend in die Arme Mr. Lockwoods fällt, des reisenden Gentleman, der auf dem Anwesen übernachtete und sich vor Geisteralpträumen retten wollte, indem er sich von der Haushälterin die Geschichte des Anwesens erzählen ließ. Eine einfache Szene, ohne knallige Soundeffekte wie der Rest des Stücks, ohne laute, aggressive Stimmen, die so wunderbar die permanent angespannte Grundstimmung des Stücks wiedergeben, nur ein Sofa im Dämmerlicht, auf dem zwei Menschen sitzen, die nichts miteinander teilen als sich in diesem Moment an eine Geschichte zu erinnern, die von Leid, Wahnsinn und Tod berichtet.
Die Perspektive der Erzählung war genauso außerordentlich gelungen: Mr. Lockhead und Nelly bleiben fast durchgehend auf der Bühne, obwohl sie als Charakterpaar nur die schemenhafte Rahmenhandlung verkörpern. Nelly selbst hatte ja die gesamte, im Rückblick erzählte Geschichte von Wuthering Heights miterlebt, und stand stets im Kreuzfeuer sich bekriegender Charaktere, die Arme. Und auch wenn von der Rahmenhandlung zurück in die Vergangenheit geblendet wurde, blieben Nelly un Lockhead auf der Bühne und beobachteten alles um sich herum, quasi als Zuschauer, aber mit Nelly als Verbindungsglied der Zeiten und der Generationen. Ein genialer Coup der Dramaturgie.
Vielleicht sollten sich manche anderen Bühnenhäuser auch daran wagen, effektvoller zu inszenieren und statt vergeblichen Versuchen, Kunst auf die Bühne zu schaffen, einfach das machen, was Theater schon immer war: atmosphärisches Spiel, in das man sich hineinfallen lassen kann.


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