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Test nach Weihnachten

Test nach Weihnachten

Test

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Ertrinken mitten in der Stadt

Es ist übrigens an manchen Stellen möglich, mitten in der Stadt zu ertrinken. Wellies, oder kurz Wellingtons helfen ganz gut, um über die Straßen zu kommen.

Nasse Straße

Nasse Straße. Man beachte die Autoräder.

Attrappe

Ich glaube, die schottische Sonne ist nur eine Attrappe, und der blaue Himmel nur eine Requisite, wie im Theater. Gestern stand ich an der Ubahn-Haltestelle und wartete auf Freunde, und ich dachte mir, oh, der Himmel ist so schön blau heute, kann ja gar nicht sein, ist normalerweise doch alles grau? Dann wurde ich abgelenkt von einem kleinen Fratz, der sich zwischen zwei großen Metallgittern mitten am Ubahn-Eingang vor seinem Papa versteckte. Der Papa war leider zu dick, und darum passte nur der kleine Fratz, dick eingepackt in Jacke, Schal und Mütze, da rein. Der Raum zwischen den Gittern war höchstens zwei Meter lang, rannte der Papa nach rechts, dann rannte der Fratz nach links, rannte dann der Papa ans andere Ende des Gitters, dann flitzte der Fratz schnell weg zum anderen Ende des Gitters und grinste, und so ging das Versteckspiel ein paar Minuten. Bis der Papa dann wegging, “Goodbyyye…!” und der Fratz ihm dann etwas verunsichert hinterherdackelte.

Ich hatte mich köstlich amüsiert, aber als ich dann nach oben sah, war der Himmel wieder zu. So gehts. Eigentlich glaube ich sogar, dass es in Wirklichkeit gar keinen Himmel in Glasgow gibt. Es gibt nur ganz viele graue Wolken und ein paar blau angemalte Wolken. Und die Sonne ist an einer Käseglocke über der Stadt aufgehängt. Jawoll.

David und Googliath

GoogleMaps bekommt Konkurrenz: die OpenStreetMap. Kostenlos, einfach zu bedienen, und vor allem: mit Wikimentalität – Schwarmintelligenz und Transparenz. Ein paar Tausend Fleißige machen die Arbeit, der Schwarm korrigiert seine Fehler von selbst, und jeder kann seinen kleinen Teil beitragen.

Das klingt erstmal gewagt. Wer könnte so eine Datenmenge von Weltkarten und Satellitenbildern zusammentragen, so flippig und schick ausgestalten und dann auch noch benutzerfreundlich daherkommen, wie Google? Jedenfalls wenn man einfach nur auf ein nützliches Tool zugreifen will, das einem nach zwei kurzen Handgriffen das bietet, was man gerade spontan sucht. Und zwar ohne Schnickschnack und Spießrutenlauf durch Werbebanner, und auch noch (vorsicht, magisches Wort) kostenlos, was für den beträchtlichen Teil der Internetznutzer einfach unumgänglich ist.

Vor allem eine Frage brennt einem da unter den Nägeln: Wer um Himmelswillen macht sich die ganze Arbeit, kartographiert die Erde und stellt sie öffentlich zur Verfügung? Ganz einfach: Jeder, der ein GPS-Gerät hat und an Orten in der Welt herumkommt, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Laut einem Artikel in der ZEIT vom 21.10.08 sind es immerhin schon 67.000 Hobbykartographen und Interessierte, die das Projekt unterstützen. Und teilweise ist die OpenStreetMap GoogleMaps sogar voraus: beim Verzeichnen von Rad- und Spazierwegkarten.

Leider kann man keine Satellitenfotos ansehen, aber als Straßenkarte ist das Projekt schon tauglich. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass es seit Wikipedia keine Wissensmonopole mehr gibt, und auch daran, dass die Welt immer ‘kleiner’ wird und mithilfe eines kleinen, nützlichen Geräts zu einem Hosentaschenuniversum wird. Jetzt müssen wir nur noch den richtigen Umgang damit finden, und vor allem: Transparenz schaffen. Die Erde ist nichts, worauf man ein Monopol beanspruchen kann.

Dinge an sich – Teil 1

Gute Kunst muss man weder erklären, noch kann man es. Ist sie erklärbar, dann hat der Künstler etwas falsch gemacht. Oder einfach zuviel gedacht beim Kreativsein. Das ist gleichzeitig das Dilemma, in dem Menschen stecken, deren Arbeit darin besteht, über Kunst zu schreiben. Das ist über Literatur relativ einfach (sie benutzt schließlich das gleiche Medium: Text), über Kunst geht es auch noch ganz gut (man kann anschaulich beschreiben, was man sieht, nicht sieht oder sehen sollte). Bei Musik gibt es aber ein Problem. Man kann äußerst fachkundig die Interpretation der Musik interpretieren, dazu braucht man aber ein gehöriges Maß an Erfahrung und musikalisches Nerdtum. Man kann sie auch herunterbrechen auf blumige Umschreibungen, die jeder Leser versteht und man selbst auch als weniger nerdiger Mensch vollbringen kann. Damit tut man aber der Musik Gewalt an. Man kann sich auch fachterminologische Ergüsse mit allerlei Formanalysen verlegen, die Leser einnebeln in Analysen, die nur noch Eingeweihte und Freizeitgeisteswissenschaftler verstehen.

Das eigentliche Ding an sich, die Musik selbst, die Ästhetik, kann man aber mit diesen Methoden nicht objektiv greifen, nur das Drumherum beschreiben. Da sind wir also.

Fußballkrieg in Glasgow

Schottischer Fußball ist genauso schlecht wie seine Fans ihm ergeben. Naja, jedenfalls hört man das. Allerdings scheint in Glasgow die Kacke echt zu dampfen, wenn es ein Lokalderby gibt, zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers. Nach den Spielen werden die beiden verfeindeten Fanblocks mit 20 Minuten Verzögerung aus dem Hexenkessel gelassen, damit sie nicht gleich vor dem Stadion übereinander herfallen, sondern die Afterparty auf einen ruhigen Vorort verschieben. Ein guter Weg, um sich Knochenbrüche zu holen, ist zum Beispiel, mit einem Trickot der Rangers durch ein irisches Viertel zu laufen, von denen es eine ganze Menge gib. Traditionell sind die Celtics der Haus- und Hofclub der irischen Bevölkerung. Als Außenstehender ist es am Besten, sich einfach nur herauszuhalten und sich fußballdesinteressiert zu geben.

Literarisches Toilett

Literarisches Toilett (Herrentoilette Unibib)

Gefunden auf der Herrentoilette in der Unibib, 10. Stock

Es gibt Zufälle. Ja, definitiv. Northern Harmony und Muldoon’s Picnic sind sogar glückliche Zufälle, wenn man sie in einer Kneipe bei literweise Bier erleben darf. Jedenfalls ist das Uisge Beatha in meinem Ansehen gehörig gestiegen. Dort habe ich gestern nämlich herausgefunden, dass sie nach einem gemeinsamen Konzert am Vortag nochmal eine Jamsession geben. Und zwar, als ich durch die Tür trat. Ich mag Überraschungen, wenn dabei gute Musik involviert ist!

Northern Harmony – Kingdom (by Don Jamison):

Northern Harmony ist ein Vokalensemble aus Vermont in den USA und sie singen Folk Musik. Soweit nichts außergewöhnliches, dagegen schon eher ihr Repertoire. Amerikanische Folksongs, georgische, bulgarische, südafrikanische und britische sind darunter, und das ist nicht alles. Sie geben all diesen Songs ihre ganz spezielle Note, mit durchdringenden, kraftvollen Stimmen. Sie singen Songs, die man in einer kalten Polarnacht in der einsamen Schneewüste des Nordens erwarten würde. Und Songs, wie man sie beim Mittsommernachtsfest irgendwo weiter im Süden gerne hören würde. Lieder, die das Herz öffnen und eine unendliche Weite des Klangs hineinlassen. Die das Herz ihrer Zuhörer aus den Gefängnissen ihrer Sorgen lassen und sie mit Mut anfüllen. Und dabei die Gelassenheit von Lagerfeueratmosphäre verströmen.

Northern Harmony – Let the Beauty we love (music by Toby Tenenbaum)

Die acht Jungs und Mädels von Muldoon’s Picnic kommen aus der Ecke, aus Glasgow nämlich. Sie widmen sich genauso wie Northern Harmony dem Shape Note-Gesang. Das ist eine spezielle Notationsart für Musik, die aus dem Süden der USA kommt. Das Besondere daran ist, dass jede Note nicht nur einen Namen hat (fa, sol, la, etc.) sondern ihr Notenkopf auch eine eigene Form hat. Genaueres gibt’s für die des Englischen mächtigen auf der Wikipedia: Shape Note soll ganz praktisch sein, wenn man einen größeren Haufen Musikdilletanten zusammenhat, die irgendwie zusammensingen sollen. Noten sind scheinbar besser auseinanderzuhalten, wenn man die Köpfe in lustige Formen gießt. Wie genau das funktionieren soll, weiß ich auch nicht, werde es aber bestimmt morgen erfahren, dann veranstalten Muldoon’s Picnic nämlich einen Workshop über genau diese Sachen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen…

Muldoon’s Picnic singen übrigens auch Folk, sie selbst beschreiben ihre Musik so:

[...] everything from folk-songs to world music to spirituals to barbershop to music-hall to sea shanties to Victorian parlour music, mostly in our own arrangements.

Jedenfalls haben sie scheinbar Humor, auf jeden Fall aber sind sie hörenswert. Dafür gibt es in Glasgow ganz gute Chancen.

Man kommt mit gemischten Gefühlen aus einem Orgelkonzert mit Musik von Olivier Messiaen heraus. Genauer gesagt: aus “Livre du Saint Sacrement”. Hört man sich das ganz ahnungslos an, muss man einen Sturm aus chaotischen Noten ertragen, während ständig dissonante Blitze in die Sitzreihen einschlagen, und aus dem gähnenden Abgrund des dunklen Wassers Tritoni und allerlei andere schiefe Intervalle starren, und nur darauf warten, bis sie dich verschlingen können. Je länger das Konzert, desto vernichteter fühlt man sich. Am Ende bleibt nur noch gnadenlose Dankbarkeit, zum Teil darüber, dass es endlich zuende ist, zum viel größeren Teil aber, weil es tatsächlich große Kunst ist, die es zu erleben gibt. Das ist aber nur wahrnehmbar, wenn man sich mit Messiaens Persönlichkeit und seinem musikalischen Alphabet auseinandersetzt. Der tiefreligiöse französische Komponist (1908 – 1992) verarbeitete allerlei biblisches Material, zum Beispiel Szenen aus Jesu’ Leben in seiner Musik.

Eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften (und zugleich Grund für das unendliche auditorische Leid während Konzerten) ist seine Gabe zur Synästhesie, zum Farbenhören und Tönesehen. Als Nicht-Synästhetiker kann man sich nur schwer ausmalen, welche Bilder sich im Kopf eines wie Messiaen zusammenspinnen. Man kann es aber subtil spüren. Und zwar daran, dass hinter all den sich auftürmenden Klangmauern aus Dissonanzen (und lautmalerischem Vogelgezwitscher) eine Kraft steckt, die alles zusammenhält, ein Gefühl, dass sich einem eröffnet, wenn man sich darin fallenlässt, eine Art Magie die so stark ist wie der Glaube, und einen die oberflächlichen Leiden der Welt und der Ohren ertragen lässt. Freilich muss man starke Nerven mitbringen für so eine Darbietung, aber das gilt ja auch für jeden fremden Ort, bis man einmal die Sprache und Lebensweise der Einheimischen versteht.

Im Konzert saß ein Mann mir gegenüber, ein alter, freundlich aussehender Herr, etwas gedrungen und mit wenig Haaren, der so aussieht, als ginge er schon seit mindestens 60 Jahren in klassische Konzerte (und hat sich seine kindliche Freude über etwas Neues, Überraschendes nicht verderben lassen). Er hat auf ganz faszinierende Weise während des zweistündigen Konzerts durchgehend selig gelächelt, und breit gegrinst und gekichert an den Stellen, wo man normalerweise eher schmerzerfüllt aussehen würde. Ich bin mir noch nicht sicher, ob er den wahren Kern der Musik als Einziger verstanden hatte, wie Messiaen ebenfalls Synästhetiker war, oder einfach schon soweit ist, dass er auch im Alltag immer wieder heiteres Vogelgezwitscher hört…

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